Internationale Zahlungen waren lange komplex, langsam und teuer. Sogenannte „Alternative Payment Rails“ ändern das: Technologiegestützte Netze, die grenzüberschreitend schneller, günstiger und transparenter abwickeln – oft ohne Korrespondenzbanken. APIs, Cloud und Blockchain können Vermögenswerte nahezu in Echtzeit bewegen.
Die Bandbreite dieser neuen Rails ist groß:
- FinTech-Netze (Wise, Revolut, Airwallex) verrechnen über lokale Konten, statt physisch über Grenzen zu transferieren
- Kartennetze (Visa Direct, Mastercard Send) öffnen ihre globalen Systeme für Echtzeit-Überweisungen
- Blockchain-basierte Rails (RippleNet, Stellar, Stablecoins wie USDC)
- Regionale Instant Payments (UPI, PIX) zeigen, wie Instant Payments international zusammenspielen können
Die Vorteile: Sekunden statt Tagen, weniger Gebühren, volle Transparenz – und Zugang über Plattformen auch für nicht lizenzierte Akteure. Es gibt bei allem Vorteils- und Fortschrittdenken aber auch noch einige offene Punkte, u.a. die Regulierung, die Interoperabilität und natürlich die Liquidität. Der Trend ist aber klar: Diese Rails wollen und können ein weiterer Baustein globaler Zahlungen werden.
Im Folgenden wollen wir einen etwas ausführlicheren Blick auf Stablecoins werfen, die derzeit mit am intensivsten im Kontext alternativer Payment Rails genannt und diskutiert werden.
Stablecoins auf dem Weg zum PaymentMainstream?
Stablecoins waren schon immer mehr ein Transaktions- als ein Asset-Thema. Auf dem Papier sind die Vorteile von Stablecoins als „Alternative Payment Rail“ überzeugend: near realtime Settlement, 24/7/365, weniger Intermediäre, OnChainTransparenz und Finalität. Stablecoins könnten typische CrossBorder Pain Points adressieren, so Laufzeiten von mehreren Tagen, Cutoff Zeitens, Gebühren und KorrespondenzbankKaskaden sowie aufwendige Reconciliation der Vergangenheit angehören könnten bzw. nicht mehr für alle Auslandszahlungen akzeptiert werden müssten.
Aus Sicht der Banken ist zu beachten, dass es für Payments via Stablecoin per se keine Bank mehr braucht. Es ist also essenziell, dass sich Banken diesem Thema gegenüber aufgeschlossen zeigen. Die letzten Monate zeigen hier, dass Banken das „Krypto-Zeugs“ nicht mehr mit einer schnellen Handbewegung wegwischen, sondern sich (in zugegeben unterschiedlicher Intensität) mit Stablecoinsbeschäftigen.
Marktdynamik: Die Netzwerke schalten hoch
Parallel professionalisieren die großen amerikanischen Netzwerke immer stärker in Richtung Stablecoin-Nutzung, Beispiele:
- Visa positioniert Stablecoins als Offering für Banken, Fintechs und Wallets mit Beratung, Infrastruktur, On-/ OffRamps, StablecoinSettlementPilot und einem Dashboard
- PayPal zeigt Ambition (PYUSD) und lehrreiche Risiken: Ein technischer Fehler des Emittenten Paxos führte zur kurzfristigen „Fehlprägung“ großer TokenMengen – ohne Kundenschaden, aber als Reminder für die Bedeutung von Governance
- Stripe ergänzt die Händler/CorporatePerspektive mit Stablecoins als programmierbare CrossBorderRail inklusive programmierbarer Compliance.
Die großen Rails und auch kleinere europäische Anbieter wie Centiglobe oder spezialisierte Infrastrukturanbieter wie nupont haben sich positioniert. Diese öffnen sich aber auch immer mehr der Zusammenarbeit mit den etablierten Playern im Auslandszahlungsverkehr (den Banken), da diese einen entscheidenden Vorteil haben: den Kundenzugang.
Bankrelevante Use Cases
Aus Sicht der Firmen, die Zahlungen beauftragen, wäre es von Vorteil auch beim Vorhandensein (künftiger) Alternative Payment Rails weiterhin alle Zahlungen auf dem gewohnten Weg bei der bzw. denHausbank(en) einzureichen. Der Grundsatz „only change a running system if it´s really really necessary“ greift auch hier. Aber auch prozessual bietet ein Festhalten an dem gewohnten Weg Vorteile; Berechtigungen und verteilte Unterschriften funktionieren unverändert.
Aus Sicht der Banken geht es darum, ihren Kunden auf dem gewohnten Einreichungsweg über z.B. ebics oder Portallösungen im Bereich der internationalen Zahlungen künftig nicht nur den bewährten Weg über SWIFT und Korrespondenzbanken, sondern auch über Stablecoins anzubieten. Ein beispielhafter künftiger high-level Prozess ist der folgende:
- Ein Hamburger Handelshaus reicht internationale Zahlungsaufträge bei ihren Hamburger Hausbank ein; darunter sind Zahlungen in YEN an einen japanischen Exporteur in Osaka
- Die Hamburger Bank führt alle erforderlichen Compliance-Prüfungen und Freigaben durch
- Die Bank entscheidet z.B. daten- oder KI-basiert über den Leitweg der Zahlungen (entweder „klassisch“ oder per Stablecoins) -> Die o.g. YEN-Zahlungen sollen über Stablecoin abgewickelt werden
- Die Bank gibt die Zahlungen in z.B. Euro für den Leitweg Stablecoin an einen on-ramp Partner weiter, der diese in einen USD-Stablecoin umwandelt
- Der USD Stablecoin wird über die Blockchain zum off-ramp Partner „transportiert“
- Dieser konvertiert den USD-Stablecoin in die lokale Währung (YEN)
- Der Zahlungsempfänger (Importeur in Osaka) bekommt eine Gutschrift auf dem Konto bei der lokalen Hausbank (häufig in weniger als 30 min ab Initiierung)
Dieser hybride Ansatz verbindet die Compliance und Vertrautheit traditioneller Bankenservices mit der Effizienz, Transparenz und Programmierbarkeit der Blockchain-Technologie.
Weitere beispielhafte Use Cases für das hybride Modell sind:
Remittance Zahlungen im X-Border AZV
Crew Lohnzahlungen in der Schifffahrt
Regulatorik und Risiko: Der RealityCheck
Mit der wachsenden Relevanz von Stablecoins rücken Regulatorik und Risiko stärker in den Fokus; technische und prozessuale Kontrollen müssen zuverlässig funktionieren. Ebenfalls sind Transparenz und Qualität der Deckungsreserven sowie deren Einlösbarkeit („Redeemability“) auch in Stressphasen sowie während regelmäßige Stresstests Pflicht. Nur wer hier Standards erfüllt, kann künftig Vertrauen bei Partnern und Kunden und der (Banken-)Aufsicht schaffen.
Die europäische MiCAR-Verordnung definiert den Rahmen dafür. Sie schafft Anforderungen an KYT-, AML- und Travel-Rule-Prozesse, ergänzt durch Sanktions-screening, Bilanzierung und steuerliche Behandlung. Es ist ebenfalls wichtig, dass Sicherheit und Nachvollziehbarkeit sowie Regelkonformität schon von Anfang an in Systeme integriert und vorhanden sein müssen. Dies sollte nicht erst nachträglich ergänzt werden.
Gleichzeitig wirkt sich die Wahl des Instruments sowohl bei fiatbesicherter Stablecoin als auch bei tokenisierten Einlagen direkt auf Bilanzstruktur und Liquidität aus. Auch im operativen Betrieb gilt, dass Bankqualität die Mindestanforderung ist; Ziel ist es hierbei immer einen revisionssicheren Betrieb zu gewährleisten.
Europa strategisch denken: Souveränität „by rail“
Stablecoins können europäische Abhängigkeiten im CrossBorderZahlungsverkehr reduzieren – nicht als Gegenmodell zu SWIFT oder Kartenschemen, sondern als komplementäre Rail für spezifische Use Cases. Politik und Aufsicht sollten marktreife, privat initiierte Lösungen fördern, Interoperabilität priorisieren und Ideologie aus der Debatte nehmen.
Ein europäisch regulierter StablecoinLeitweg stärkt Autonomie, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit – und bereitet programmierbare Zahlungen für die Realwirtschaft vor.
Was Banken jetzt tun sollten
Banken müssen jetzt vom Konzept (oder der Diskussion) in die Umsetzung kommen. Am besten gelingt das mit einem klar definierten Pilotprojekt, das dort ansetzt, wo größtmöglicher (Kunden)Nutzen entstehen kann, etwas im Bereich von Zahlungen von „Kleinbetragszahlungen“ wie Crew-Payments im Shipping oder Remittance-Payments.
Ziele mit messbarer Wirkung:
- kürzere Durchlaufzeiten
- geringere Transaktionskosten
- höhere STP-Quoten
- weniger manuelle Eingriffe
Gleichzeitig muss eine technische Grundlage stehen. Banken sollten entscheiden, dass sie auf einen fiat-besicherten Stablecoin wie einen USDC oder einen Euro Stablecoin setzen. Im gleichen Zuge ist ebenso die Frage der Architektur relevant. Will man auf öffentlich zugängliche blockchains (public-permissioned) oder auf nicht öffentliche blockchains (permissioned) mit klaren Mechanismen für On- und Off-Ramps setzen?
„Compliance by Design“ wird dabei ebenfalls zum entscheidenden Erfolgsfaktor. KYT-, AML- und Sanktionsprüfungen müssen bereits im Vorfeld integriert werden. Außerdem werden auch programmierbare Freigaben, Audit Trails sowie definierte Notfalllösungen (mit den bekannten AZV-Rails i.d.R. bereits inhouse vorhanden) essenziell für eine Adaption im AZV.
Am Ende entscheidet jedoch das beste Geschäftsmodell über den Erfolg. Kenntnis des Geschäfts und des Bedarfs der Kunden, Preispolitik, Gebührenlogik im Vergleich zu SWIFT oder Kartennetzen sowieFX-Handling und Dispute-Management bilden das Fundament. Wer diese Bausteine konsistent zusammensetzt, schafft den Schritt vom Whitepaper in die Praxis und kann sich als aktiver Gestalter der nächsten Zahlungsinfrastruktur positionieren.
Fazit: Mainstream durch Use Cases, nicht durch Ideologie
Stablecoins sind auf dem Sprung in den PaymentMainstream – als zusätzlicher Leitweg mit besonderem Hebel im CrossBorderGeschäft. Sowohl die großen Netzwerke als auch spezialisierte europäische Anbieter bieten Banken Andockpunkte für Strategie, Infrastruktur und Akzeptanz (Exkurs: Stablecoin sind u.E. nur ein erster bereits jetzt umsetzbarer Schritt und eine Brückenfunktion. Payment über CBDC und Deposit Tokens, tokenisierte Bankeinlagen regulierter Institute – voll gedeckt, verzinslich, nahtlos integrierbar in bestehende Zahlungs/Abwicklungsprozesse) können eine Weiter-entwicklung von Payments via Stablecoin darstellen).
Um diese Chance zu nutzen bzw. um im AZV relevant zu bleiben, bedeutet es für europäische Institute, jetzt klar abgegrenzte Piloten/PoCs zu starten, die das Zahlen mit Stablecoins als zusätzlichen Leitweg ermöglichen, die Interoperabilität mit den weiteren (etablierten) Rails inkl. Instant Payments sichern sowie die in den Banken vorhandene Compliance und Governance auf diesen Leitweg auszudehnen.
Wer die Brücke zwischen OnChainEffizienz und reguliertem Zahlungsverkehr schlägt, reduziert Kosten, erhöht Geschwindigkeit und stärkt Europas ZahlungsSouveränität.
Abschließend müssen wir leider auch ein wenig Wasser in den Souveränitäts-Wein gießen. Die Dominanz der USA und des USD im internationalen Zahlungsverkehr löst man nicht, in dem Teile des Auslandszahlungsverkehrs künftig über USD-denominierte Stablecoins laufen. Die Etablierung von Stablecoins in EUR (z.B. von allunity), die Überlegungen der Bank of England zu GBP-denominierten Stablecoins sowie die Pläne für den ersten regulierten Yen-Stablecoin (um nur einige Initiativen zu nennen) sind Schritte für eine Emanzipation vom USD-Stablecoin. Es fehlt derzeit noch an einer verlässlichen Fungibilität zwischen Währungs-Stablecoins; sollte uns diese gelingen werden künftig im AZV noch weniger Umwege erforderlich sein.
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