2022 steuert mit großen Schritten dem Ende entgegen – und stellt schon mal die Weichen für ein ereignisreiches Jahr 2023. Während die Regulatorik abermals viele von uns in Atem halten wird, sehe ich zudem mit Spannung der zukünftigen Zusammensetzung des Zahlmittelmixes entgegen. Mit dem Aufkommen von Corona und zur Hochzeit der Pandemie mag es vor allem den einen Fokus gegeben haben: mehr kontaktlos wagen – gleichermaßen für Handel wie auch Konsumenten. Das Thema der Interchange und Processing Fees (also der mit dem Payment verbundenen Gebühren) , wenngleich immer präsent, trat etwas in den Hintergrund. Diese Haltung dürfte nun passé sein. Die Krisen dieses Jahres entfesseln  gerade in den letzten Monaten wieder eine neue Dynamik.

 

Gebührenpoker reloaded

Bis zu 10% Inflation bedeuten bei prozentual auf den Umsatz berechneten Gebühren einen nicht unerheblichen Anstieg der Gesamtkosten für die Abwicklung kartenbasierter Transaktionen.  Da zuletzt vor allem die für alle gestiegenen Energiekosten der Treiber der Teuerung waren, sind in den wenigsten Unternehmen und Branchen die Margen im gleichen Maße gewachsen wie die Kosten. Angesichts dessen wird man sich als Händler früher oder später im kommenden Jahr wieder häufiger an die Verhandlungstische setzen wollen und als Zahlungsanbieter setzen müssen. Dies trifft sowohl die marktführenden Debit- und Credit-Card-Schemes als auch ihre Acquirer, allen voran die girocard und ihre Händlerkonzentratoren.  Gleichermaßen öffnen sich jedoch wieder Türen (und vielleicht auch Herzen) für neue oder zuletzt weit weniger beliebte Zahlverfahren.

Auftritt des guten alten elv

Teils belächelt, teils verschmäht, war das Elektronische Lastschrift Verfahren (ELV) bis vor einigen Jahren stets ein signifikanter Wettbewerber insbesondere zur girocard. Zuletzt war es doch arg leise um das Zahlmittel geworden, das sich nie so ganz entscheiden konnte, was es denn nun ist: Kartenzahlung, Lastschrift oder – gelebte Praxis – das Beste oder zumindest eine Mischung aus beiden Welten. Keine Kontaktlos-Funktion, kilometerlange zusätzliche Bonrollen und abgegriffene Kugelschreiber in Zeiten der Pandemie – alles schien ein wenig aus der Zeit gefallen. Noch dazu wurde der lange bestehende Kostenvorteil Stück für Stück durch andere Zahlmedien aufgeholt – nicht zuletzt auch, weil Bewegung in die vermeintlich so unverhandelbaren Interchange-Sätze kam. Das viel-beschworene Zahlungsausfallrisiko darf an dieser Stelle ruhigen Gewissens einmal außen vorgelassen werden. Seien wir ehrlich, im Land der Dichter, Denker und Versicherer handelt sich dabei um einen überschaubaren Kostenfaktor, allzu oft bereits eingepreist und für die wenigsten Payment Manager ein Grund für schlaflose Nächte.  

Die elv-Anbieter waren nicht untätig

Neue Kontaktlos-Standards für ELV wurden entwickelt und auch eine Lösung für das noCVM-Limit von 0 Euro gefunden, also für das Betrags-Limit, bis zu dem auf die Eingabe einer PIN oder Unterschrift verzichtet werden darf. Dies führte bislang faktisch dazu, dass jedem Tap&Go-Versuch noch ein &sign und damit ein entscheidender Prozessnachteil beschert wurde.

Möglich wird die Prozessvereinfachung durch die Ummünzung zur karteninitiierten wiederkehrenden Lastschrift und steht so bei den ersten Anbietern bereits auf dem Tableau. Die Folge: es braucht nur Unterschrift bei der ersten Transaktion, danach wird das bestehende Mandat bedient. Abseits der noCVM*-Limits konkurrierender Kartenprodukte wird Tap&Go auch für ELV zum Standard und als solcher mit Sicherheit von den übrigen Marktteilnehmern unter Argusaugen beobachtet.

Die bislang immer notwendige Unterschrift auf dem Beleg lässt sich glücklicherweise schon seit Jahren digitalisieren. Sollte ein größerer Händler den Switch im kommenden Jahr wagen, werden e-signature-Pads sicherlich Teil der Verhandlungsmasse sein

*CVM = cardholder verification methode

der blick in die glaskugel  

Fakt dürfte ebenso sein: Je länger die Inflation anhält, umso mehr wird man das Model ungedeckelter Transaktionsgebühren hinterfragen, und zwar auch abseits der relativen Deckel bei 0,2/0,3% der Interchange. Vielmehr wird man sich um einen absoluten Maximalbetrag je Transaktion bemühen. Die Card Scheme Fees, in ihren wunderbaren bis wunderlichen Ausprägungen, dürften ein weiterer Dorn im Auge vieler Händler sein und steigender Preisdruck wird sich nur noch zu einem bestimmten Grad auf den Schultern der sich weiter konsolidierenden Acquirer austragen lassen.

Eine andere bedrohte Tierart, der ich mittelfristig, wenngleich vermutlich unter neuem Namen, Erholungschancen ausrechne, sind die Hippos (Händlerinitiierte Instant Payment am POS). Denn der zuvor genannte Kostendruck kann nicht nur den Wettbewerb unter Bestandslösungen beflügeln, sondern zudem den Boden für neue Ansätze bereiten. Viel wurde probiert, um die „Hippos  zum Fliegen zu bringen“. Wenig war von Erfolg gekrönt, was in der Vergangenheit nicht zuletzt auch an der zerklüfteten Produkt- und Vertragslandschaft bei Instant Payments lag. Zusatzgebühren der Banken für ihre Endkunden, diffuse Informationsstände (oft genug hat man doch die Frage gehört, ob SOFORT und Echtzeitüberweisung nicht dasselbe wären) und in breiter Fläche ausbleibende Verfügbarkeit von Instant Payments haben die Entstehung einer ernstzunehmenden POS-Lösung bislang blockiert

 

instant payment im fokus

Nun hat die EU-Kommission kürzlich die IP-Verpflichtung für europäische Banken angekündigt und dürfte damit Händler-Initiativen neuen Aufwind geben.

Deckelung der Kosten für Endkunden? Check.

Weitreichende Verfügbarkeit für alle? Check.

Ambitionierte Ziele für die Umsetzung? Check.

Es wirkt fast, als wollte man dem Handel bedeuten, einen passenden Rahmen für Clearing/Settlement geschaffen zu haben, und was nun noch fehlt, sind Use Cases mit passendem Frontend. Oder frei nach dem Kaiser: „Geht’s raus und macht Payment“.

Wo wir bei regulatorischen Initiativen sind

Auch der digitale Euro wird 2023 von der EZB weiter erforscht, große Erfolge und Ankündigungen sehe ich im kommenden Jahr jedoch (noch) nicht heraufziehen. Allerdings wurde große Transparenz bei der Veröffentlichung von Zwischenergebnissen angekündigt. So darf man ab der Mitte des Jahres zumindest mit einiger Neugier auf die Erkenntnisse der angelaufenen Prototyping-Phase hoffen und schauen. Da zunächst ein größerer Fokus auf die Ausprägung als Retail-CBDC (Central Bank Digital Currency) gelegt wird, dürfte auch der namengebende Retail-Bereich hoffentlich zeitnah etwas stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Zentralbänker rücken und somit der Schulterschluss gesucht werden.

Last, but not least

Geht’s um den POS bin ich immer etwas zurückhaltend, was die girocard angeht. Nicht weil ich Vorbehalte gegen das Produkt habe, sondern weil sie als unbestreitbarer POS-Platzhirsch mit der geballten Argumentationskraft der großen Zahlen eigentlich den wenigsten Zuspruch benötigt. #Rootingfortheunderdogs

Aber auch für die girocard – und damit schließe ich den Themenblock ab – erwarte ich noch einiges im kommenden Jahr. Die seit längerem vorangetriebene Konsolidierung der DK-Produkte (kwitt, paydirekt, giropay) dürfte im nächsten Jahr, abseits des reinen Markenauftritts, die ersten spürbaren Früchte tragen. Erste Online-Fähigkeiten, digitalisierte Karten, Apple Pay – viele Themen wurden in letzter Zeit angeschoben. Wenn es jetzt noch gelingt, die Online-Zahlungsfunktion (über paydirekt… ich meine natürlich giropay hinaus) in der Breite ins Netz zu bekommen, dürfte sich der, des Öfteren bemängelte, technologische Abstand zur Onlinefähigkeit anderer Card Schemes endlich aufholen lassen. Kein echtes POS-Thema, aber die Grenze verschwimmt auch zugegebenermaßen immer mehr.

Bis sich beurteilen lässt, ob die Dinge so kommen, wie sie augenblicklich scheinen, wird es noch ein wenig dauern. Aber es bleibt spannend und ich freue mich auf das, was auf uns alle gemeinsam zukommt. In der Zwischenzeit wünsche ich euch und Ihnen einen schönen und besinnlichen Jahresausklang, frohe Feiertage und einen guten Rutsch in ein gesundes neues Jahr.  

 

 

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